Quelle: Lukas Gintrowski
Gerechtigkeit
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Empowerment durch Kaffee-Kooperativen: Zwei Erfolgsgeschichten aus Honduras und Ruanda

Lukas, 25 Jahre

Ob Equal Pay Day, Women’s March, Weltfrauentag oder Faire Woche – es gibt viele Möglichkeiten, sich für mehr Geschlechtergerechtigkeit zu engagieren. Manche sind bequemer, andere unbequemer. Dolores Cruz Benitez ist ohne Zweifel einen der unbequemsten Wege gegangen. Die 44-jährige ist als Koordinatorin der Röstprojektgruppe bei Aprolma, einer Kooperative von Kaffeebäuerinnen aus Honduras. Aktuell ist sie zur Fairen Woche auf einer Rundreise durch Deutschland unterwegs, um von ihrem Kampf zu berichten. Am vergangenen Samstag hat sie in Berlin bei einem Vortrag erklärt, wie es zur Gründung ihrer Kooperative kam (oben seht ihr übrigens ein Gruppenfoto von Teilnehmenden des Vortrags).

Am Anfang war eine Radiosendung

Dolores Cruz BenitezQuelle: Lukas Gintrowski
Dolores Cruz Benitez

So berichtet Dolores, dass die Situation für Frauen in Honduras in den letzten Jahrzehnten besonders herausfordernd gewesen sei: In der extrem patriarchalischen Gesellschaft spielten Frauen lange keine wichtige Rolle – Ihr Platz war in der Regel im Haushalt verortet. Eigene Treffen, Aktivitäten oder Hobbies waren ohne Erlaubnis des Ehemannes kaum möglich.

Um Frauen über ihre Rechte rund ums Thema „häusliche Gewalt“ zu informieren und zu Empowerment-Workshops (also Workshops, die Frauen in ihren Rechten stärken sollen) einzuladen, gründete Dolores gemeinsam mit fünf Mitstreiterinnen die Initiative „Siemprevivas“, mit der sie eine eigene Radiosendung ausstrahlte. Die Idee: Wenn die Frauen nicht zu den Treffen kommen konnten, dann brachte Siemprevivas die Botschaft eben übers Radio zu ihnen. Zu dem Zeitpunkt war Dolores gerade einmal sechzehn Jahre alt.

Sie berichtet weiter, dass so zwar Frauen zunehmend mental gestärkt und über ihre Rechte aufgeklärt wurden, die wirtschaftliche Abhängigkeit aber nach wie vor Lebensrealität war. Auf der Suche nach eigenen Verdienstmöglichkeiten, die die Frauen unabhängiger vom Geld ihrer Männer werden lassen sollten, stießen sie schnell auf den Kaffeeanbau. Der Preis, den die Frauen bereit waren, zu zahlen, war hoch: Viele der insgesamt 69 Produzentinnen erlebten häusliche Gewalt oder trennten sich von ihren Partnern, die ihnen ein Engagement in der Kooperative verboten.

Gleichberechtigung und Unabhängigkeit durch Fairen Handel

Dolores Cruz Benitez bei ihrem Vortrag in BerlinQuelle: Lukas Gintrowski
Dolores Cruz Benitez bei ihrem Vortrag in Berlin

Weiter erzählt Dolores, was der Faire Handel schon früh ermöglicht hat: Durch den Fairen Handel wurde nicht nur das Einkommen der Frauen gesichert und die Gleichberechtigung gefördert. Fair-Handels-Partner unterstützten die Frauen auch dabei, Röstverfahren vor Ort zu entwickeln. Der Grund: Indem die Kaffeebohnen vor Ort weiterverarbeitet werden, verbleibt viel mehr Geld vor Ort, als wenn die Kaffeebohnen lediglich als Rohware exportiert werden.

Fragt man Dolores nach einem Ausblick, ist ihre Prognose allerdings alles andere als positiv. So seien in der aktuellen Gesetzgebung in Honduras viele Rückschritte erkennbar: Sicher geglaubte Rechte der Frauen werden wieder infrage gestellt, Strafmaße für Missbrauch und Vergewaltigung reduziert, das Anzeigen häuslicher Gewalt erschwert und gleichzeitig Demonstrationen kriminalisiert. Von deutscher Seite wünscht sie sich hier mehr Unterstützung.

 

Ruanda: Wiederaufbau durch Frauen nach Völkermord

Marthe UwiherewenimanaQuelle: Lukas Gintrowski
Marthe Uwiherewenimana

Eine andere Perspektive bringt Marthe Uwiherewenimana ein, die mit dem Fair-Handels-Unternehmen El Puente während der Fairen Woche eine Vortragsreise quer durch Deutschland unternimmt. Seit 2017 ist sie Präsidentin des Aufsichtsrats der ruandischen Kooperative Kopakama, in der Frauen nicht nur auf dem Papier bei allen wichtigen Entscheidungen mitwirken, sondern auch Führungspositionen besetzen, Preisverhandlungen führen und Schulungen anleiten. Marthe berichtet von einem starken gesellschaftlichen Wandel, der mit der traurigen Geschichte Ruandas verknüpft ist.

So erzählt sie, dass noch vor einigen Jahrzehnten die gesellschaftliche Rolle der Frau relativ unbedeutend war. In fast allen Belangen waren Frauen den Männern unterstellt, durften oft nicht einmal über das eigene Einkommen verfügen, kein Land besitzen und waren vom Erbrecht ausgeschlossen.

Als 1994 zwischen 800.000 und 1.000.000 Menschen in Ruanda ihr Leben im Genozid (= Völkermord) verloren, änderte sich alles. In der anschließenden Aufbauphase, in die auch die Gründung der Kooperative 1998 fällt, waren nicht nur die instabile gesellschaftliche Situation herausfordernd, sondern auch das zwischenmenschliche Miteinander. So erzählt Marthe, dass in der Kooperative oft zwei Arten von Witwen Seite an Seite arbeiteten: die einen, deren Partner als Opfer des Völkermordes das Leben verloren und die anderen, deren Ehemänner als Täter entweder zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden oder aus Angst vor Strafverfolgung ins Ausland geflohen sind. Die Einbettung der Arbeit Kopakamas ins staatliche Versöhnungsprogramm (bei dem es darum ging, Opfer und Täter des Völkermords miteinander zu versöhnen), in Workshops und psychologische Seminare sei deshalb entscheidend gewesen, damit die Kooperative heute wirtschaftlich und zwischenmenschlich erfolgreich ist.

Mehr Selbstbewusstsein durch Fairen Handel

Marthe Uwiherewenimana bei ihrem Vortrag in BerlinQuelle: Lukas Gintrowski
Marthe Uwiherewenimana bei ihrem Vortrag in Berlin

Auch in Marthes Kaffeekooperative hat der Faire Handel eine wichtige Rolle gespielt: Die Möglichkeit für Frauen, einen eigenen Acker zu besitzen, zu bewirtschaften und über dessen Erträge frei bestimmen zu können, hätte es ohne den Fairen Handel nicht gegeben. Auch sei es so für viele der Produzentinnen überhaupt erst möglich gewesen, einen Zugang zu Krediten zu bekommen, den ihnen herkömmliche Banken verwehrt hätten. Heute, sagt Marthe, hätten die Frauen so ein gestärktes Selbstbewusstsein.

Doch lassen sich nicht nur auf Seiten der Frauen Verbesserungen beobachten – Auch die Einstellung der Männer in der Kooperative habe sich spürbar geändert: Eine gleichberechtigte Arbeit auf Augenhöhe sei heute für die 1062 Mitglieder der Kooperative selbstverständlich.

Dolores Cruz Benitez und Marthe Uwiherewenimana sind momentan im Rahmen der Rundreisen der Fairen Woche in ganz Deutschland unterwegs. Mehr Infos über die Faire Woche 2019 findet ihr hier. Ihr habt auch Lust, eine Veranstaltung zur Fairen Woche zu besuchen? Dann schaut mal auf dem Veranstaltungskalender vorbei!

Die Faire Woche wird gefördert mit Mitteln des evangelischen Kirchlichen Entwicklungsdienstes, durch MISEREOR und durch ENGAGEMENT GLOBAL mit finanzieller Unterstützung des

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